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Ein Zeugnis muss immer wohlwollend formuliert sein. So will es das Gesetz. Dies hat zur Folge, dass alle Formulierungen auf den ersten Blick zwar positiv klingen, sich aber eine Art Geheimsprache entwickelt hat, die zwischen den Zeilen Kritik an dem Arbeitnehmer/Azubi/Praktikanten zum Ausdruck bringt. Vergleichen Sie einmal folgende Sätze: a) Herr Menzel hat die ihm übertragenen Arbeiten stets und ganz zu unserer vollsten Zufriedenheit erledigt. b) Herr Menzel zeigte für seine Arbeit Verständnis und war mit Interesse bei der Sache. Dabei bemühte er sich immer, allen Anforderungen gerecht zu werden. Klingt doch beides nett, oder? Doch es gibt gravierende Unterschiede: Während die erste Formulierung für Herrn Menzel ein wirklich dickes Lob beinhaltet (= sehr gute Leistungen), ist die zweite Beurteilung eien Bankrottbescheinigung. Der Text sagt: Hier handelt es sich um einen faulen, nichtsnützigen Versager. Machen Sie doch einmal den Test, ob Sie zwischen den Zeilen lesen können. Was steckt Ihrer Ansicht nach hinter folgenden Formulierungen? "Herr Köllner war fleißig und ehrlich. Er verfügt über ein bemerkenswertes Bildungsniveau, das ihn stets zu einem interessanten Gesprächspartner machte. Die Kolleginnen und Kollegen schätzten ihn wegen seiner mannigfachen Fähigkeiten und seines humorvollen Wesens..." Dies ist wie ein Faustschlag ins Gesicht. Die eigentlich nur als Trias zu verwendende Beschreibung Ehrlichkeit, Pünktlichkeit und Fleiß weist hier eine böse Lücke auf und signalisiert damit grobe Unpünktlichkeit, Unzuverlässigkeit. Der "interessante Gesprächspartner" bedeutet: Geschwätzigkeit, das "humorvolle Wesen": unangenehmer Witzbold. "...können wir Frau Gonschoreck bestätigen, dass Ihr Verhalten gegenüber Kollegen und Kunden einwandfrei war..." In dieser Formulierung steckt der böskritische Hinweis auf Fehlverhalten, weil nichts über das Verhalten gegenüber dem Vorgesetzten gesagt wurde. Gemeint ist: Achtung - hier gab/gibt es Probleme.
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